Object Centric Process Mining analysiert Prozesse unter Berücksichtigung mehrerer miteinander verknüpfter Geschäftsobjekte. Anders als viele klassische Ansätze muss nicht jeder Ereignisdatensatz einer einzigen Fallkennung zugeordnet werden.
Wie funktioniert Object Centric Process Mining?
Ein Ereignis kann beispielsweise gleichzeitig mit einem Kundenauftrag, einer Lieferung und mehreren Positionen verbunden sein. Dadurch bleiben Beziehungen erhalten, die bei einer künstlichen Vereinfachung auf nur eine Fallperspektive verloren gingen. Objektzentrierte Ereignisformate wie OCEL unterstützen die strukturierte Darstellung solcher Zusammenhänge.
Abgrenzung und Grenzen
Die Methode eignet sich besonders für ineinandergreifende Prozesse. Sie verlangt allerdings sorgfältige Modellierung der Objektarten, Ereignisbeziehungen und Datenqualität. Visualisierungen können komplex werden und sollten an eine konkrete Fragestellung gebunden bleiben.
Beispiel aus der Unternehmenspraxis
In der Auftragsabwicklung kann eine Lieferung mehrere Bestellungen bündeln, während eine Bestellung auf mehrere Lieferungen verteilt wird. Eine objektzentrierte Analyse berücksichtigt beide Beziehungen.
Worauf Unternehmen achten sollten
Die Methode ersetzt nicht das klassische Process Mining. Für klar abgegrenzte Abläufe mit stabiler Fallkennung kann dessen einfacheres Modell weiterhin zweckmäßig sein.
Warum eine Fallkennung oft nicht ausreicht
In realen Unternehmensprozessen bestehen Viele-zu-viele-Beziehungen zwischen Geschäftsvorgängen. Eine Bestellung kann mehrere Positionen, Lieferungen und Rechnungen haben; mehrere Bestellungen können wiederum in einer gemeinsamen Lieferung zusammenlaufen. Wenn sämtliche Ereignisse einer einzigen künstlich erzeugten Fallkennung zugeordnet werden, drohen Informationsverluste oder Mehrfachzählungen. Object Centric Process Mining arbeitet deshalb mit mehreren Objektarten und den Verbindungen zwischen ihnen. Dadurch lassen sich Fragestellungen untersuchen, die in einem traditionellen, streng fallzentrierten Datenmodell nur schwer abzubilden sind.
Was OCEL 2.0 zu einem Ereignisprotokoll ergänzt
OCEL 2.0 beschreibt Ereignisse, Objekte, Objektarten, Attribute sowie Ereignis-Objekt- und Objekt-Objekt-Beziehungen. Auch Veränderungen von Objektattributen und qualifizierte Beziehungen können erfasst werden. So lässt sich beispielsweise dokumentieren, welche Rolle ein bestimmtes Objekt innerhalb eines Ereignisses spielt. Der Standard bietet Austauschformate und ein gemeinsames Strukturverständnis. Er garantiert jedoch nicht, dass eine Organisation ihre Daten automatisch in dieser Form bereitstellen kann. Die korrekte Modellierung von Objektbeziehungen bleibt eine anspruchsvolle Integrationsaufgabe.
Analyse von durchgängigen Wertschöpfungsabläufen
Objektzentrierte Analysen ermöglichen einen Blick auf mehrere miteinander verknüpfte Geschäftsobjekte. Beispielsweise lässt sich untersuchen, ob Verzögerungen zwischen Bestellung, Kommissionierung, Transport und Rechnung zusammenhängen. Die Mehrperspektivität kann dazu beitragen, lokale Optimierungen von übergreifenden Effekten zu unterscheiden. Allerdings können die Ergebnisse komplex sein. Für Entscheider sollten daher konkrete Fragen und eindeutige Kennzahlen formuliert werden, etwa wie viele Aufträge durch eine verspätete Lieferung betroffen waren. Eine bloße Visualisierung zahlreicher Objektbeziehungen bietet noch keine belastbare Handlungsempfehlung.
Datenintegration und Interpretationsgrenzen
Für die Einführung werden Objektarten, eindeutige Kennungen und erlaubte Beziehungen festgelegt. Anschließend sind Informationen aus den beteiligten IT-Systemen zusammenzuführen und die Ereignisse zeitlich einzuordnen. Besonders aufwendig sind fehlerhafte Referenzen, historisch geänderte Zuordnungen und widersprüchliche Stammdaten. Zudem sollte geprüft werden, welche manuellen Aktivitäten nicht im Log erscheinen. Object Centric Process Mining schafft damit eine differenziertere Sicht auf komplexe Abläufe, ersetzt aber weder die fachliche Ursachenanalyse noch die Verantwortung für betriebliche Verbesserungsmaßnahmen.
Häufige Fragen
Ersetzt objektzentriertes Process Mining die klassische Variante?
Nein. Für eindeutig fallorientierte Prozesse kann ein klassisches Event Log einfacher und vollkommen ausreichend sein.
Was ist OCEL?
OCEL steht für Object-Centric Event Log. Das Format beschreibt Ereignisse mit Bezug auf mehrere Objektarten und deren Beziehungen.
Praktische Prüffragen
- Definieren Sie die fachlich relevanten Objektarten; eine vollständige Übernahme aller ERP-Tabellen erhöht Komplexität, ohne die Analyse zwangsläufig zu verbessern.
- Prüfen Sie gemeinsame Ereignisse sorgfältig: Eine Lieferung kann mehrere Bestellungen bedienen, ohne dass jeder Auftrag denselben Bearbeitungsverlauf besitzt.
- Berücksichtigen Sie historische Änderungen von Objektbeziehungen, insbesondere bei Umbuchungen und nachträglich korrigierten Bestell- oder Rechnungspositionen.
- Formulieren Sie objektzentrierte Kennzahlen, die der Unternehmensführung tatsächlich helfen, beispielsweise die Zahl von Aufträgen mit verzögerten Teillieferungen.
- Vergleichen Sie Modellierungsaufwand und Erkenntnisgewinn mit einer klassischen Fallperspektive, wenn Prozesse überwiegend über einen Vorgang abgegrenzt werden können.
Objektbeziehungen statt künstlicher Fallvereinfachung
In der Auftragsbearbeitung lassen sich nicht alle Ereignisse sinnvoll auf eine einzelne Bestellung reduzieren. Eine Rechnung kann mehrere Bestellungen umfassen; eine Lieferung kann mehrere Positionen aus verschiedenen Aufträgen enthalten. Werden diese Beziehungen für eine klassische Fallanalyse künstlich getrennt, entstehen möglicherweise Mehrfachzählungen oder verlorene Übergänge. Object Centric Process Mining verfolgt deshalb mehrere eindeutig identifizierte Objektarten und ihre Beziehungen. Bei der Datenaufbereitung muss dokumentiert werden, was eine Objektbeziehung fachlich bedeutet und zu welchem Zeitpunkt sie gilt. Eine bloße Verknüpfung über ähnlich lautende Nummern ist dafür nicht ausreichend. Erst eine belastbare Semantik erlaubt verlässliche Analysen über die verschiedenen Objekte hinweg.
Einführung mit einem klaren Untersuchungsziel
Ein Pilot kann mit der Frage beginnen, wie sich Teillieferungen auf Rechnungsfreigaben auswirken. Dafür werden die relevanten Objektarten, Ereignisse und Beziehungen festgelegt. Anschließend wird geprüft, welche Informationen Quellsysteme tatsächlich zur Verfügung stellen und wo Historien fehlen. Das objektzentrierte Log wird anhand realer Geschäftsbeispiele validiert, bevor daraus Prozessmodelle und Leistungskennzahlen abgeleitet werden. Die Analyse sollte für Entscheider verständliche Ergebnisse liefern, etwa Anzahl betroffener Aufträge oder Wartezeiten zwischen bestimmten Ereignissen. Es ist nicht erforderlich, jede theoretisch mögliche Objektverbindung zu visualisieren. Der zusätzliche Nutzen muss gegenüber dem höheren Integrations- und Modellierungsaufwand geprüft werden.
Verwandte Wiki-Begriffe
Weiterführende Erklärungen: Event Log, Process Mining, Datenintegration.
Fachliche Quellen
OCEL 2.0 – Standard für objektzentrierte Event Logs. Anwendungsbeispiele sind ausdrücklich als exemplarische Szenarien zu verstehen.